von Marion Strencioch
Normalerweise habe ich kein allzu großes Lampenfieber. Aber Lauf ist anders. Weil es beim Erzählwettbewerb Wortschmied von Lauf, der seit 2022 alle zwei Jahre stattfindet, zwei Dinge gibt, die man sonst als Erzählerin nicht kennt: Zum einen die Konkurrenz darum, wer die Beste ist. Zum anderen das Damoklesschwert des Zeitlimits: Nach exakt sieben Minuten läutet eine Glocke. Dann ist Schluss, egal, ob die Geschichte beendet ist oder nicht.
2022 beim ersten Wortschmied durfte ich schon mit antreten. Gerade mit meiner Erzählerinnenausbildung fertig, war das einfach nur eine riesige Überraschung, Freude und Ehre. Ich fuhr mit dem olympischen Gedanken nach Lauf: Dabeisein ist alles! Und das war es dann auch.
2026, beim dritten Wortschmied, wurde ich wieder ausgewählt. Diesmal war es anders: Ich wollte vorne mit dabei sein. Aber das wollten sicher auch die anderen neun geladenen Kolleginnen und Kollegen, die wie ich ihre besten, spannendsten oder außergewöhnlichsten Geschichten zu diesem Abend mitbrachten.
Zwei Stunden vor dem Beginn des Wettbewerbs: Wir treffen uns in der besonderen Atmosphäre des Industriemuseums von Lauf. Bühnenbegehung. Herzklopfen. Soundcheck mit Headsets. Bei mir ploppt es bei den Plosivlauten permanent. Nicht gut, wenn man von Laptops und Puchheim erzählt. Der Tontechniker bekam das glücklicherweise noch in den Griff.
Dann die Auslosung der Startplätze. Spannung. Los öffnen. Bitte nicht die 1! Fortuna beweist Sinn für Humor: Die vier männlichen Teilnehmer ziehen die Plätze 1-4. Mein Los trägt die Nummer 7. Genau wie 2022. Ein gutes Omen oder ein schlechtes?
Danach umziehen, Make-up prüfen, Frosch aus dem Hals bekommen.
Es wird ernst. Herzklopfen. Die etwa 100 Zuschauerinnen und Zuschauer nehmen ihre Plätze ein, der große Abend beginnt.
Begrüßung durch die Jury des Wortschmieds: Christiane Müller (Hausherrin des Industriemuseums) und Alexandra Eyrich, Andrea Gonze und Michl Zirk (zu dritt als Frankenkralle bekannt und Initiatorinnen und Initiator des Wortschmieds). Es folgt als Eisbrecher der Wortschmied des Vorjahres Ivo Hewing mit seiner Gewinnergeschichte von 2024. Autobiographisch, stark.
Anschließend traumhaftes Handpan-Zwischenspiel.
Der Wettbewerb beginnt. Vier Erzähler, eine Erzählerin, jeweils mit Handpan-Intermezzo. Ich kann relativ entspannt zuhören.
Pause. Das Herzklopfen fängt wieder an. Unterhaltungen suchen zur Ablenkung.
Es geht weiter. Geschichte Nummer 6. Ich bekomme nur die Hälfte mit. Einerseits muss ich verkabelt werden. Andererseits Lampenfieber.
Handpan.
Mein Auftritt. Eine autobiographisch inspirierte Geschichte über Demenz, in der viel Herzblut steckt. Gewinnen wäre der Wahnsinn. Aber diese Geschichte einem so großen Publikum präsentieren zu dürfen, ist allein schon ein Gewinn. Eine schiefe Note beim Gesang stört mich vermutlich mehr als das Publikum. Bei sechs Minuten zückt der Zeitrichter die Signalkarte. Erleichterung, ich bin fast fertig. Applaus. Glücksgefühle.
Drei weitere Geschichten. Einmal läutet die 7-Minuten-Glocke. Die Geschichte bleibt unvollendet.
Nach der letzten Geschichte: Rückzug der Jury zur Beratung. Die Zuschauerinnen und Zuschauer gehen zu den Gläsern, die für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer bereitstehen, legen ihren Stimmstein in das Glas ihrer Favoritin oder ihres Favoriten.
Die Zeit vergeht viel zu langsam.
Endlich kehrt die Jury zurück. Alexandra Eyrich erzählt die Geschichte vom Spatz in der Hand und dem Schicksal, das in dieser Hand liegt. Damit bereitet sie eine Wortschmied-Premiere vor: Für Platz drei haben zwei Erzählerinnen von Jury und Publikum exakt dieselbe Punktzahl erhalten. Nicht der geringste Unterschied. Allerdings gibt es nur einen dritten Preis. Das Los muss entscheiden, wer diesen Preis erhält. Michl Zirk bittet auf die Bühne: Richard Martin und Marion Strencioch.
Wow! Richard, seit Jahrzehnten Erzähler, beim Wortschmied 2022 zweiter, in diesem Jahr zum dritten Mal beim Wettbewerb dabei. Jetzt stehe ich neben ihm bei der Entscheidung um Platz 3. Die haben wir jetzt selbst in der Hand. Wir dürfen beide ein Los ziehen. Eines trägt die 3, das andere die 4. Richard hatte bei der Auslosung der Erzählreihenfolge für den Abend schon die 3 gezogen. Bekommt er sie wieder? Ganz englischer Gentleman lässt er mich zuerst ziehen. So liegt das Ergebnis in meiner Hand.
Ich ziehe. Richard zieht. Lose öffnen. In meiner Hand: die 3. Freude — und ein leises Bedauern, dass die Entscheidung auf diesem Weg fallen musste. Aber Richard, der mich in den Jahren seit meiner Ausbildung mit unzähligen Tipps unterstützt und gefördert hat und dem ich dafür nur immer wieder danken kann, freut sich mit mir.
Die Plätze eins und zwei gehen nach Sachsen: Patrick Niegsch, der als erster Wettbewerbsteilnehmer erzählt hatte, wird Zweiter. Katja Stiller überzeugt mit ihrer Darbietung Jury und Publikum gleichermaßen und ist die neue Wortschmiedin von Lauf.
Zum Abschluss eine kleine Feier im Industriemuseum mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, deren Begleiterinnen und Begleitern und der Jury. Endlich entspannt!
Es war wieder ein großartiges und einzigartiges Erlebnis! Ein großes Dankeschön an die Frankenkralle und das Industriemuseum für die Organisation und an die anderen neun Erzählerinnen und Erzähler des Abends für ihre Geschichten — es war mir ein Fest und eine große Freude, mit Euch die Bühne teilen zu dürfen!

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