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Wie geht’s Dir online?

Das hat unser Mitglied John Rogers gefragt und die Antworten zusammengetragen.

Generell gilt es, dass Erzähler*innen ein ‚echtes‘ Publikum brauchen, um wirklich wohl zu fühlen! Trotzdem waren manche überrascht, wie es ‚digital‘ funktionieren kann, und haben positive Erfahrungen z.B. mit Zoom gesammelt. Andere überlegen sich noch, welche Geschichten für diese Zeit angebracht zu erzählen sind oder genau welches Medium zu benutzen.

Selma Scheele erzählt von ihrem Webinar an der FH Bielefeld und ihrem Angebot für die Kinder ihrer Freunde:
„Ich gebe in diesem Semester ein Seminar im Geschichten erfinden und freien Erzählen von Geschichten für Student*innen der Fachhochschule Bielefeld. Sie studieren entweder Pädagogik der frühen Kindheit oder soziale Arbeit. Bei dem Seminar arbeiten wir überwiegend über ZOOM oder über Tutorials, die ich für die Studierenden vorbereitet habe. Dabei habe ich verschiedene Formen ausprobiert: Video-Tutorials, Audio-Tutorials oder auch PDF Tutorials. Die Tutorials sind alle recht „kunstvoll“, um die Leichtigkeit und Freude des Geschichtenerfindens und freien Erzählens zu vermitteln. ich habe z.B. einen Stop-Motion-Film gedreht, Audioaufnahmen mit Musik versehen und Collagen angefertigt. Zusätzlich dazu haben die Studierenden alle auch ein Einzelcoaching von mir bekommen, bei dem wir an ihren Geschichten gearbeitet haben.
Erzählen für Kinder
Für die Kinder meiner Freunde habe ich Geschichten als Audio-Datei aufgenommen. Teilweise mit Musik und Gesang, teilweise einfach so. Die Kinder sind zwischen 2 und 4 Jahre alt. Sie bekommen die Geschichte von mir mit einer persönlichen Begrüßung zugeschickt. Von allen bekomme ich dann persönliche Nachrichten zurück. Manchmal haben sie die Geschichte weiter erfunden, manchmal ein Bild dazu gemalt, manchmal einfach nur gesagt, dass sie es toll fanden. Und von den Eltern höre ich, dass sie dankbar für die Abwechslung sind.“

Frau Wolle (Karin Tscholl), hier ihr Online-Angebot, sagt:
„Es wird ziemlich gut angenommen, das kann sich aber jeden Monat je nach Lage wieder ändern. Zur Zeit habe ich 50 zahlende Abonnent*innen und 10, denen ich es geschenkt habe. Um die 40 Menschen sind bei einem Termin meistens dabei.
Die allermeisten bezahlen freiwillig mehr als die geforderten 33.- Euro, manche aus Solidarität sehr viel mehr.
Die Menschen sind zwischen den Niederlanden, ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich verteilt.
Ich muss dazu sagen, dass ich die Sache gründlich vorbereitet habe und dass mein Publikums-Pool in meinen 25 Jahren als Märchenerzählerin stetig gewachsen ist.
Das Angebot ist nur live, nichts wird aufgezeichnet.
Noch nicht so zufrieden bin ich mit Zoom, das zwar gut funktioniert, aber einen schlechten Ruf hat, was Datensicherheit angeht.“

Walburga Kliem berichtet:
Zur Zeit benutze ich lediglich die Soundcloud, also Podcasts, unter dem Titel „Erzählkunst-Lichtblicke zum Lauschen“. Ich hatte ein entsprechendes Profil schon vor der Corona-Pandemie (Adventskalender im Dezember 2019 und seit Januar 1x monatlich einen Podcast). Um Bezahlung bitte ich mit einem Unterstützungs-Button und Angabe meiner Kontoverbindung. Außerdem beteilige ich mich an der Vernetzung mit anderen Soundcloud-Profilen (VEE, Momo Heiß – Andere Gedanken und weitere Erzähler), indem ich deren Beiträge like und in meine eigenen Playlists aufnehme. Für die Aufnahmen verwende ich ganz einfach mein Smartphone ohne weitere Technik. Ich habe auch nicht vor, mein Equipment dahingehend zu erweitern. Auf meiner Webseite (wo ich die „Lichtblicke zum Lauschen“ ja auch bewerbe) findet sich dazu folgender Hinweis: Meine Erzählungen sind grundsätzlich eine Kunst, die ihren Weg „vom Mund zu Ohr“ gehen sollte, d. h. ich erzähle mündlich und im realen Leben! Das ist mir in Corona-Zeiten leider verwehrt! Ich habe NICHT den Anspruch, in Konkurrenz zu professionellen Audio-Künstlern aufzutreten. Meine „Hörspiele“ sind MIT LIEBE aufgenommen, auf technische Qualitätsmerkmale habe ich verzichtet!
Außerdem bin ich auf Facebook mit Text-/Bild-Beiträgen und Verlinkungen sehr aktiv.
Video-Aufnahmen sind für mich sehr schwierig, da wir nur über einen sehr schwachen und instabilen Internet-Zugang in unserem Dorf verfügen (der jetzt durch verstärkte Nutzung der Leute im Homeoffice noch mehr eingeschränkt läuft). Wenn dann kann ich nur sehr kurze Aufnahmen hochladen. Livestreams sind überhaupt nicht möglich!
Angebote zum individuellen „Erzählen am Telefon“ (obwohl ich mehrfach geworben habe) wurden bisher nicht angenommen!
Ich werde bei Lockerung der Kontaktbeschränkungen zu Veranstaltungen im kleinen Kreis in mein Gartenzelt und zu Wanderungen einladen.“

Astrid Brüggemann hat seit 22.3. ein Onlineformat: Die Sonntagsmärchen. Jeden Sonntag um 17 Uhr, manches Mal auch mit Gästen.
„Bisher habe ich sie wöchentlich angeboten, am 10.05. ist der letzte Termin im Wochenrhythmus, danach werde ich das Format monatlich weiter laufen lassen. Für das Format nutze ich Zoom und bin höchst zufrieden damit. Ich arbeite immer mit verschiedenen virtuellen Hintergründen, die ich vorbereite und von Szene zu Szene wechsle. Das macht es bunter. An Equipment habe ich: eine gute logitech-Webcam, ein Sennheiser-Headset und eine Lampe. Mein Rechner hat eine gute Grafikkarte, so dass das mit den virtuellen Hintergründen auch nach etwas aussieht. Einen Ticketpreis verlange ich nicht, aber ich bitte um Spenden. Dafür blende ich meine Kontonummer und meine Paypal-me-Adresse ein. Das klappt sehr gut.“

Olaf Steinl hat andere Erfahrungen gemacht:
„Ich habe in der Corona-Zeit öfter online-Erzählen mit zoom gemacht. Ich habe dreißig minütige Einheiten gemacht. Zum Beispiel zur Odyssee von Homer. Oder Märchen für kleine Kinder. Es funktioniert, aber es macht mir keine echte Freude. Ich brauche das echte Publikum.“

Sigrid Maute schreibt, dass sie zunächst einige Videoaufnahmen gemacht und kostenfrei auf Youtube hochgeladen hat. Einnahmen erzielte sie damit nicht. Doch sie schreibt weiter:
„Zwischenzeitlich hat sich bei mir jedoch ein ganz anderes Videokonzept ergeben – mit Erfolg! –  und ich berichte gerne davon. Dafür muss ich allerdings etwas ausholen:
In Hechingen gibt es einen Märchenpfad mit zehn Märchenstationen.
Auf diesem Pfad biete ich Erzählspaziergänge für Kindergärten, Schulen und verschiedene Gruppen an.
Die zehnte Station auf dem Pfad ist ganz neu – Rapunzel. Im April war eine Einweihungsfeier mit mir als Erzählerin geplant. – Coronabedingt entfiel die Einweihung und somit wurde mein Erzählauftrag storniert.
Vor zwei Wochen kam mir die Idee, „Rapunzel“ am Turm in einer Videoaufnahme zu erzählen. Ich hab ein kleines Drehbuch geschrieben und es als Video für die städtische Website angeboten. Die Stadt war begeistert!
Das Video wurde für den Gesamtaufwand zwar nicht sonderlich gut bezahlt, doch zumindest habe ich den stornierten Auftrag wieder drin. Am 8. Juni veröffentlicht die Stadt das Video, dazu gibt es Presse und darüber bin ich sehr glücklich.
Nun versuche ich solche Video-Erzählungen für weitere Kunden kostenpflichtig anzubieten. Etwa für das Freilichtmuseum oder demnächst ist in einem Museum im Kreis eine Brüder-Grimm-Ausstellung geplant.
In Sachen Live-Veranstaltung hatte ich letzten Sonntag einen Auftritt im Auto-Kino-Format – auch dieses Konzept geht auf, wenn auch etwas anders als gewohnt – es funktioniert.“

Birte Bernstein berichtet:
„Als Mitte März die Corona-Absagen sämtlicher Veranstaltungen auf mich herunterprasselten, verließ mich kurzzeitig und sehr heftig der Mut… um dann mit neuer Weichenstellung „Richtung online“ umso stärker aufzufrischen. Zunächst öffneten sich rund um Lübeck unzählige virtuelle Räume und Plattformen, auf denen (Klein)Künstler Gutscheine für Veranstaltungen „nach Corona“ verkaufen konnten. Darüber fanden sich digitale Netzwerke, und ich bekam Kontakt zu Künstlern und Musikern, den ich sonst nicht gehabt hätte. Gemeinsam haben wir uns präsent gehalten. Das tat so gut!
Außerdem haben Museen und Bibliotheken mich angefragt, ob ich Märchen in die Kamera erzählen würde – gegen „normales Honorar“! Wir haben also vor Ort kleine Videoclips gedreht, mit denen die Häuser ihre social-media-Kanäle bestückt haben. Eine Idee, die ohne Corona und den Schließungen der öffentlichen Einrichtungen nicht entstanden wäre!
Mitte April habe ich dann mit einem eigenen Online-Angebot per Zoom begonnen: über fünf Wochen gab es jeden Montag Abend Erzählkunst aus meiner Küche. Es fand sich eine bunte Gruppe mit Menschen aus Hamburg, Köln, Bonn, Bielefeld, Hannover, Berlin und natürlich Lübeck zusammen. Auch haben sich weit entfernt voneinander wohnende Freunde oder Verwandte auf diese Weise jeden Montag online gesehen und „zusammen“ den Märchen zugehört. Das wäre sonst nicht geschehen und war eine große Freude. Viele haben den Teilnehmerbeitrag von 32 Euro großzügig aufgerundet. Mittlerweile läuft die zweite Runde, kommenden Montag ist der letzte Termin. Die Technik war am Anfang aufregend, bekam aber bald etwas von „normal“. Erstaunlich, wie gut der Kontakt auch über Entfernung und Bildschirm funktioniert hat! Angesichts der begonnenen Sommerferien gibt es jedoch (vorerst) keine dritte Runde.
Für Juli / August / September stehen nun in Lübeck drei Veranstaltungen „Drumcircle meets storytelling – ein getrommeltes Märchen“ in Kooperation mit einer Drumcircle-Facilitatorin an. Ich hatte dafür einen Antrag bei der Lübecker Possehl-Stiftung gestellt, der vorgestern bewilligt wurde. Die Stiftung hat einen extra Corona-Fördertopf für kulturelle Veranstaltungen in diesen Zeiten aufgemacht – also wäre auch dieses Projekt ohne Corona und ohne Finanzierung durch die Stiftung kaum verwirklicht worden. Insgesamt bin ich – bis hierher – wunderbar durchgekommen und wundere mich oft selbst, wie das alles geschehen konnte. Ich bin sehr dankbar für viel Zuspruch, Unterstützung und die Ideen, mit denen Veranstalter und andere Künstler auf mich zukamen. Vielleicht ist dieser kleine Bericht auch für andere corona-ausgebremste Erzähler interessant zu lesen?!“

Jedes unserer derzeit 120 Mitglieder hat individuelle Erfahrungen gesammelt, ist vielleicht sogar schon vor der Pandemie mit dem Erzählen am Telefon oder auf einem youtube-Kanal vertraut gewesen. Die Angebote aller unserer Mitglieder finden sich unter ihren Profilen auf unserer VEE-Karte.

Bild von Joshua Woroniecki auf Pixabay

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